After Dark · Politik
Wie viel redet der Bundestag, ohne etwas zu sagen?
Jede Rede seit 2013 und jedes Plenarprotokoll seit 1949, nachgezählt: Länge, Wiederholungen, Wortschatz, Anreden. Ob etwas gesagt wurde, misst keine Zahl.
Seit Oktober 2013 haben Abgeordnete und Regierung im Bundestag 71.356 Reden von mindestens 100 Wörtern gehalten, zusammen 42 Millionen Wörter. Die mittlere Rede hat 571 Wörter. Und sie wird kürzer: 2014 waren es 768, 2025 noch 494.
Wie lang eine Rede ist
Median der Wörter je Rede im Bundestag, nach Jahr
Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen
1950 sprach das Parlament die Damen und Herren an, 266-mal je 100.000 Wörter; Kolleginnen und Kollegen kamen nicht vor. Seit den Achtzigerjahren holen sie auf, 2006 haben sie die Damen und Herren zum ersten Mal überholt.
Damen und Herren gegen Kolleginnen und Kollegen
Anreden je 100.000 Wörter der Plenarprotokolle, 1949 bis 2016
Die Wendungen
Ohne die Anrede am Anfang ist die häufigste Wendung aus sechs Wörtern wieder eine Anrede, mitten in der Rede: „Meine sehr verehrten Damen und Herren“, in 2.162 Reden. Unter den übrigen: „Und das ist auch gut so“ (569), „An der einen oder anderen Stelle“ (533) und „In den letzten Wochen und Monaten“ (365).
Gemessen an der ganzen Rede ist das wenig. Nur 0,9% der Wörter einer Rede stehen in Wendungen, die sich in mindestens 50 anderen Reden finden.
Die häufigsten Wendungen
Folgen von sechs Wörtern ohne Anrede, nach der Zahl der Reden, in denen sie stehen
Wer wie redet
Am längsten reden die Abgeordneten der Union, im Median 660 Wörter, am kürzesten AfD und Linke (je 507). Die meisten Wendungen von der Stange haben SPD und CDU/CSU, die wenigsten AfD. Den abwechslungsreichsten Wortschatz misst MATTR bei AfD.
Fraktion für Fraktion
Median der Wörter je Rede, 2013 bis 2026
Weniger, als man denkt: Rund 0,9% jeder Rede sind Floskeln, die man aus 50 anderen kennt. Ob der Rest etwas sagt, misst keine Zahl.
71.356 Reden von mindestens 100 Wörtern, Oktober 2013 bis Januar 2026; Wendungen: sechs Wörter in Folge, die Anrede am Anfang ausgenommen.
Wie wir gerechnet haben
Wörter: Folgen von Buchstaben, klein geschrieben. Wortvielfalt: MATTR, der Anteil verschiedener Wörter in jedem Fenster von 200 Wörtern, gemittelt; anders als der einfache Anteil fällt er nicht, nur weil eine Rede lang ist. Wendungen: jede Folge von sechs Wörtern, gezählt in wie vielen Reden sie vorkommt. Anreden: „Meine Damen und Herren“ (auch „sehr verehrten“ und „sehr geehrten“) und „Kolleginnen und Kollegen“ je 100.000 Wörter des ganzen Protokolls. Quelle: CPP-BT (Seán Fobbe, CC0), Fassung vom 17. Januar 2026. Die Berechnung: data-pipeline/make_story_bundestag.py.
Was die Daten nicht zeigen
- Gemessen ist Wiederholung, nicht Inhalt. Eine Wendung, die oft vorkommt, kann eine leere Floskel sein oder ein Fachbegriff, der oft gebraucht wird. Eine abwechslungsreiche Rede sagt nicht unbedingt mehr.
- Wer spricht, und wie oft. Regierungsfraktionen halten mehr Reden, große Fraktionen bekommen längere Redezeit. Die Unterschiede zwischen den Fraktionen sind auch die ihrer Rollen.
- Die Protokolle. Der Korpus teilt die Protokolle erst ab 2013 in Reden. Wo er die Worte des Präsidiums an eine Rede anhängt („Interfraktionell wird Überweisung … vorgeschlagen“), ist die Rede davor abgeschnitten (2.607 Reden). Die Zählung seit 1949 endet 2016: Ab 2017 stammen die Protokolle aus einem anderen Format, ihre Zahlen sind mit den älteren nicht vergleichbar.